Théâtre

Theater

Ein gallo-römisches Theater

Das in der Flur En Selley erhaltene Monument steht bezüglich der Anordnung der Zuschauerränge und der Zugänge zwar den «klassischen römischen Theatern» nahe, gehört aufgrund diverser typischer Eigenschaften jedoch trotzdem der Gruppe der gallo-römischen Theater an. Dieser in den nordwestlichen Provinzen des römischen Reiches verbreitete Bautyp zeichnet sich durch verschiedene architektonische Charakteristika aus : der Grundriss von orchestra und cavea (Zuschauerränge) basiert auf einem überzogenen oder gestelzten Halbkreis; das flächenmässig bescheidene Bühnengebäude ist sekundär aussen an die geradlinige Fassadenmauer angebaut, und die eigentliche Bühne besteht aus einer schlichten hölzernen Plattform, welche in die orchestra hinein ragt.

In diesem Theater wurden wohl seltener Komödien und Tragödien des klassischen Repertoires aufgeführt, dafür eher Possen und Pantomimen. Hauptsächlich dürfte das Bauwerk angesichts seiner Anbindung an die Sakralzone und seiner axialen Ausrichtung auf das Cigognier-Heiligtum jedoch in kultischem Kontext verwendet worden sein. Für eine derartige Nutzung spricht auch das Vorhandensein einer vermutlich mit Altären oder Statuten bestückten Nische am Fuss der Zuschauerränge, in Verbindung mit den Ehrensitzen (prohedria). Welche Veranstaltungen in diesem kultischen Zusammenhang stattgefunden haben und wie man sich solche «Weihespiele», wie sie offensichtlich in der Mehrheit der gallo-römischen Theater durchgeführt wurden, vorstellen muss, ist nach wie vor unklar. Wie einzelne Schriftquellen berichten, dürfen wir uns mit grosser Wahrscheinlichkeit Prozessionen vorstellen, die von den Tempeln (so beispielsweise vom Cigognier) zum Theater führten und bei denen Götterbilder und Büsten von Angehörigen des Kaiserhauses mitgeführt wurden. Letztlich ist auch der Aspekt der Theater als politischer Versammlungsort nicht zu vergessen.

Datum und Entwicklung

Die Errichtung des Theaters in einem Gebiet, das vormals von einzelnen Wohnbauten besetzt wurde, fällt an den Beginn des 2. Jh. n. Chr. und steht wie der Ausbau der gesamten südwestlichen Sakralzone mit dem urbanistischen Programm zur Monumentalisierung der wenige Jahrzehnte zuvor zur Kolonie erhobenen Stadt in Zusammenhang. Die bauliche Struktur des mit seinem Rücken an einen leichen Abhang gelehnten Theaters ist allerdings nicht so einheitlich, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Noch während der Bauzeit erfolgte offenbar eine Planänderung in den statisch stärker exponierten nordöstlichen und südwestlichen Zonen, die den Einbau massiver Verstärkungsmauern mit sich brachte. Was der genaue Auslöser für die Konsolidierungsmassnahmen war, ist bis jetzt noch weitgehend unbekannt.

Im letzten Drittel des 3. Jh. n. Chr. wurde das Bauwerk schliesslich zu einem befestigten Refugium umgebaut, das von einem Verteidigungsgraben umgeben war und in diesem Zustand bis in die Mitte des 4. Jh. n. Chr. genutzt wurde.

Ausmasse und Fassungsvermögen

Gesamtbreite : 106.25 m
Gesamttiefe : 66.4 m
Durchmesser der orchestra : 17.75 m
Gesamttiefe der orchestra : 21 m
Fassungsvermögen : ca. 12'000 Sitzplätze, verteilt auf ca. 50 Sitzreihen
Erschliessung : via 11 vomitoria (überwölbte Zugänge) und zwei in der cavea gelegene Umgänge (praecinctiones)
Am Fuss der cavea : ein weiterer Umgang mit daran anschliessenden Sitzen der Honoratioren (prohedria)

Lage des Theaters in einem politisch-kultischen Bezirk

Das Theater bildete den südlichen Abschluss eines weiträumigen, offenbar unbebauten Platzes, der im Norden vom auf derselben Achse liegende Cigognier-Heiligtum dominiert wurde. Im Westen schlossen sich zwei weitere, jedoch später erbaute gallo-römische Tempel an den Platz an und auch im weitgehend noch nicht ergrabenen Osten befanden sich vermutlich noch zusätzliche zur Sakralzone gehörende Bauten. In dem gross angelegten Urbanisierungsprojekt, das an der Wende vom 1. zum 2. Jh. n. Chr. zur Schaffung eines westlich der orthogonal angelegten Wohnquartiere gelegenen Sakralbezirks führte, kam dem Theater zusammen mit dem auf derselben Achse liegenden Cigognier-Heiligtum eine beherrschende Stellung zu.

Bautechniken

Das Theater lehnte sich mit seinem Unterbau an die Hangflanke des flach in Richtung Donatyre ansteigenden Hügels an. Verschiedene Terrassierungsarbeiten waren notwendig, um die Kleinquaderfundamente aus Molasse-Sandstein korrekt ins bestehende Terrain setzen zu können. Bei den höher liegenden Gebäudeteilen handelte es sich um Sichtmauerwerk aus vorwiegend gelben Kalkstein-Handquadern, vereinzelt auch solchen aus grünlich-grauem Sandstein; punktuell wurden zumeist aus statischen Gründen auch Werkstein-Elemente aus Muschelkalkstein verbaut. Die Zuschauerränge wiesen Sitzstufen aus Muschelkalkstein auf; in einer frühen Phase sind hölzerne Sitzstufen für die obersten Ränge möglicherweise nicht vollständig auszuschliessen.

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